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Vorwort
Aber die Bibel ist kein Märchenbuch!" - dieser Einwand erschaUt immer wieder, wenn jemand versucht, Texte des Aken und des Neuen Testaments tiefenpsychologisch auszulegen. Wie aber, wenn schon viel gewonnen wäre, wir vermöchten die Bibel so zu lesen, wie man heute die ewigen Träume der Menschheit, vornean die Mythen und die Märchen der Völker, tiefenpsychologisch zu lesen und zu verstehen vermag? In der heute vorherrschenden Form der Bibelauslegung ist die Frage nach der historischen Wirklichkeit hinter den Texten so vorrangig geworden, daß die Frage nach der inneren Wirklichkeit in den Texten darüber fast verlorengegangen ist. Dabei hat gerade die Methode der historischen Kritik an der Bibel auf Schritt und Tritt feststellen müssen, wie unhistorisch die einzelnen Erzählungen der Bibel sind. Doch anstatt bestimmte Erzählungen als Mythen, Märchen, Sagen, Legenden o. ä. zu klassifizieren oder zu „entlarven", käme es vor allem darauf an, die Wahrheiten herauszuspüren, die sich nur in der Weise solcher „unhistorischen" Erzählungen mitteilen lassen, weil sie eine Gültigkeit nicht nur zu einer bestimmten historischen Zeit, sondern immer und allerorten beanspruchen. Dazu aber ist es unvermeidlich, die gesamte Lebenseinstellung in gerade der Weise zu ändern, wie es die Tiefenpsychologie in jeder Neurosebehandlung zu tun versucht: Nicht die äußere, rational erfaßbare Wirklichkeit der Tatsachen und Fakten ist als das Wesenliche zu betrachten, vielmehr verdienen die inneren, unbewußten Wirkkräfte und Faktoren in den Tiefenschichten der menschlichen Psyche alle Aufmerksamkeit. Haben die Personen des Tobit-Büchleins wirkhch gelebt? Historisch gesehen, gewiß nicht; tiefenpsychologisch aber leben sie in einem jeden Menschen, und diese Ebene der Wirklichkeit muß man verstehen, um den Ort zu betreten, an dem Gott den Menschen nahe ist. Vieles wird man dann lernen von der Ohnmacht der Angst und der Allmacht der Liebe, von dem Abgrund der Einsamkeit und dem Grund der Gemeinsamkeit, von menschlicher Verzweiflung und allmählicher Reifung; am meisten aber wird man erfahren von dem Schutz und der Begleitung Gottes auf allen unseren Wegen, und daraus wird die Ge-