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Reise von München nach GenuaRossíni, divino Maestro, Heiios von Italien, der du deíne klingenden Strahlen übcr die Welt verbreitcst! verzeih meinen armen Landsleuten, die dich lástern auf Schreibpapier und auf Löschpapier! Ich aber erfreue mich deiner goldenen Töne, deiner melodischen Lichter, deiner funkelnden Schmetterlingstráume, die mich so lieblich umgaukeln und mir das Herz küssen wie mit Lippen der Grazién! Divino Maestro, verzeih meinen armen Landsleuten, die deine Tiefe nicht sehen, weil du sie mit Rosen bedeckst, und denen du nicht gedankenschwer und gründlich genug bist, weil du so leicht flatterst, so gottbeflügelt! - Freilich, um die heutige italienische Musik zu lieben und durch die Liebe zu verstehn, mufl man das Volk selbst vor Augen habén, seinen Himmel, seinen Charakter, seine Mienen, seine Leiden, seine Freuden, kurz, seine ganze Geschichte, von Romulus, der das Heilige Römische Reich gestiflet, bis auf die neueste Zeit, wo es zugrunde ging, unter Romulus Augustulus II. Dem armen geknechteten Italien ist ja das Sprechen verboten, und es darf nur durch Musik die Gefühle seines Herzens kundgeben. Ali sein Groll gegen fremde Herr-schaft, seine Begeisterung für die Freiheit, sein Wahnsinn über das Gefühl der Ohn-macht, seine Wehmut bei der Erinnerung an vergangene Herrlichkeit, dabei sein leises Hoffen, sein Lauschen, sein Lechzen nach Hülfe, alles dieses verkappt sich in jene Melodien, die von grotesker Lebenstrunkenheit zu elegischer Weichheit herab-gleiten, und in jene Pantomimen, die von schmeichelnden Karessen zu drohendem Ingrimm überschnappen.Das ist der esoterische Sinn der Opera buffa. Die exoterische Schildwache, in dercn Gegenwart sie gesungen und dargestellt wird, ahnt nimmermehr die Bedeutung dieser heiteren Liebesgeschichten, Liebesnöte und Liebesneckereien, worunter der Italiener seine tödlichsten Bekeiungsgedanken verbirgt, wie Harmodius und Aristo-giton ihren Dolch verbargen in einem Kranze von Myrten. Das ist halt nárrisches Zeug", sagt die exoterische Schildwache, und es ist gut, dafí sie nichts merkt. Denn sonst wiirde der Impresario mitsamt der Primadonna und dem Primo uomo bald jene Bretter betreten, die eine Festung bedeuten; . . .Heinrich Heine (gekürzt)