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Vorwort
von Erich Steingräher
Der Mensch besitzt seit Urzeiten das elementare Bedürfnis, sich zu schmücken. Aberglaube, Standesbewußtsein und das Streben nach wertbeständigen Ka-pitalsaidagen waren und sind bis heute die wesendi-chen Triebkräfte, die Erscheinung der menschlichen Gestalt durch schmückende Attribute zu steigern.
Sieht man von der primitiven Form der Körperbe-malung ab, so verstehen wir heute unter Schmuck im engeren Siime jenen kostümlichen Zierat, der vom Goldschmied oder Juwelier seine künstlerische Form erhält. Man kann zwischen Gewandschmuck und Körperschmuck unterscheiden. Während beim Ge-wandschmuck häufig Zweck- und Zierform uiüöslich miteinander verflochten sind - denken wir an die Gürtelschließe oder die Brosche -, so dominiert beim Körperschmuck die rein schmückende Tendenz. Dabei müssen wir uns jedoch davor hüten, alten Schmuck ausschließlich vom L'art-pour-l'art-Standpunkt aus zu beurteilen. Die vielgestaltigen Prägungen des Schmuckes stehen in unmittelbarer Verbindung mit menschlichem Schicksal, spiegeln siimfällig Freude und Leid, Liebe und Trauer, Stolz, Angst und Demut. Es gab bis zur Französischen Revolution keinen »reinen« Schmuck, sondern ihm eignete als Erinnerungsstück, Amulett, Talisman oder Standesabzeichen stets ein besonderer Bedeutungsgehalt. Die zahlreichen Verordnungen und Luxusgesetze aus alter Zeit, die die Vorrechte der einzelnen Stände regeln sollten, beweisen, daß Schmuck bis ans Ende des i8. Jahrhunderts - und in den meisten nichtabendländischen Kulturen bis heute - ein gesellschaftliches Privüeg bildete. Erst das europäische 19. Jahrhundert entwickelte das völlig »säkularisierte«, das heißt an keine gesellschaftliche Funktion und keine besondere Bedeutung mehr gebundene Kleinod.
Aus den vielfältigen Funktionen erklärt es sich, daß Schmuck bis ins 18. Jahrhundert durchaus nicht zu den Vorrechten des schönen Geschlechts gehörte. Zum ausschließlichen Privileg der Weiblichkeit wurde das Kleinod erst seit der Französischen Revolution, als die europäische Herrenmode der nüchternen »Mode ä l'anglaise« folgte und den in allen zivilisierten Ländern bis heute gültigen »Anzug« propagierte.
Guido Gregorietti, seit über 20 Jahren als Direktor des Museo Poldi Pezzoli und Professor an der Acca-demia della Brera in Mailand den »arti minori« eng verbunden, investierte nicht nur sein reiches Wissen, sondern auch schöne Begeisterung in dieses Buch, dem wir viel Erfolg wünschen.
Frau mit Halsband und Diadem, von einem etruskischen BronTespiegel, 6. Jahrhundert v. Chr. Rom, Museo Nazionale lü Villa Giulia.