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ZUR EINFÜHRUNG
Vor kurzem unterhielt ich mich mit einem Historiker, Professor für neuere Geschichte an einer deutschen Universität, über unsere Zeit. Im Laufe des Gespräches fragte ich ihn, wie er als Historiker sich die Entwicklung denke. Er antwortete mir, es sei nicht Aufgabe des Historikers, Entwicklungen im voraus zu sehen. Die Historiker seien eben keine Propheten. Ihre Aufgabe sei es, das, was geschehen sei, möglichst wahrheitsgetreu festzuhalten oder zu ermitteln.
Idi erwiderte ihm, ich hätte von der Aufgabe eines Historikers eine andere Meinung. Ich sei der Auffassung, die Historiker, namentlich ein Professor der neueren Geschichte, müßten wenigstens den Versuch machen, auf dem Wege von Analogieschlüssen aus dem Geschehen unserer Zeit, sogar unserer Tage, zu erkennen, wohin der Lauf der Entwicklung wahrscheinlich gehen werde, und sie müßten in ihrer Lehre hinweisen auf zu erwartende Entwicklungen und eventuell warnen.
Der Historiker gab mir nicht recht. Er wiederholte nochmals, Historiker seien keine Propheten.
Ich verlange natürlich keine Prophezeiungen von einem Historiker, aber ich meine, seine Arbeit, namentlich bei einem Historiker für neuere Geschichte, sei nur wirklich getan, wenn er, so gut wie möglich, zukünftige Entwicklungen aus dem jetzigen Geschehen folgere.
Wenn ich auch kein Historiker bin, so habe ich doch in bewegten, ja stürmischen Zeiten vieles erlebt und zum großen Teil mitgestaltet. Selbstverständlich bin auch ich kein Prophet, und deswegen kann ich irren in dem, was ich über die Zukunft sage. Aber ich bin zufrieden, wenn ich in dem Leser Gedanken über das wecke, was jetzt ist, und über das, was eventuell wird. Ein langes Leben gibt den Menschen die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln. Erfahrung kann eine Führerin des Denkens und des Handelns sein, die durch nichts zu ersetzen ist, auch nicht durch angeborenen Intellekt. Das gilt insbesondere für das Gebiet der Politik.
Mein Erinnern geht weit zurück. Als ich im Jahre 1894 in meinem ersten Semester die Universität Freiburg besuchte, schien alles gefestigt zu sein auf dieser Erde. Niemand konnte die Erschütterungen voraussehen, die während der nächsten Jahrzehnte eintraten. Um die Jahrhundertwende war das Deutsche Reich die stärkste Landmacht, Großbritannien die stärkste Seemacht der Welt, Europa war das politische und wirtschaftliche Kraftzentrum der Erde. Die Vereinigten Staaten hatten kein nennenswertes